Endlich ist es so weit: Das vielgefragte, fiebrig erwartete letzte Duell des ersten Spieltages steht an! Aufeinander treffen das ligaerfahrene Team „AC:AB“ (Conrad und Yann) und das weniger erfahrene, aber nicht minder vielversprechende Team „Vanille“ (Jule und Jacob). Auch wenn heute keine Zuschauerrekorde gebrochen werden, so macht sich doch das (nicht zuletzt wohl auch der bisherigen Berichterstattung zu verdankende) gewachsene Interesse der Erfurter Boulegemeinde bemerkbar: Immerhin 5 lokale Kugel-Enthusiast*innen wohnen der Partie bei und kommentieren das Spielgeschehen wie gewohnt mit den üblichen Plattitüden, später wird auch der Vereinspräsident samt Begleitung dem Spielort eine Stippvisite abstatten. Interesse weckt das im akademischen Milieu ungewohnte Ereignis auch bei der Erfurter Studierendenschaft, sodass bis zu 10 zwischenzeitliche Zaungäste aufgezeichnet werden können. Rekordverdächtig ist das Tempo, mit dem diese Begegnung zu einem Ende finden wird – nach nur 60 Minuten wird „AC:AB“ um 18:46 Uhr auch das zweite Spiel für sich entschieden und sich damit an die Spitze der Tabelle gespielt haben, punktgleich mit der „Trainingsgruppe Erfurt“. Chapeau!

Bei dem Platz auf dem Campus handelt es sich um die vormalige Sandkiste des Uni-Kindergartens, etwa 12 × 5 Meter, von Holzbalken eingefasst – rein optisch ein schöner Spielplatz für Liebhaberinnen des französischen Kugelsports. Großes Plus: Der Grillplatz ist juste à côté und für Schatten ist gesorgt. Ansonsten? Anspruchsvoll ist ein Euphemismus für dieses terrible Terrain! Die Teams treffen sich auf einem Boden so hart und trocken wie ein archäologischer Fund, durchzogen von Traktorrillen, Grünzeug und allerlei topografischen Überraschungen – ein dritter Gegner spielt hier mit. Zu den Seiten hin geht es rasch abwärts Richtung Bande, es ist also Feingefühl gefragt, um auch nur annähernd an die Sau zu kommen und im Spiel zu bleiben. „Unkontrollierbar“, so hört man, „ein Experimentierfeld“, hört man weiter, „der Boden nervt“, hört man auch. Dem kann man als Zuschauerin nur beipflichten, es ist ein wenig ermüdend, an einem Donnerstagabend dabei zuzusehen, wie sich die Kontrahent*innen teils mehr am Untergrund abarbeiten als aneinander. Nichtsdestotrotz, wahre Größe zeigt sich auf anspruchsvollem Terrain und mit der altbekannten, banalen Ausrede des „schwierigen Bodens“ wollen wir hier auch nicht weiter langweilen. Ah oui, das Wetter: 19,6 Grad, Sonnenschein, leichte Brise.

Team Vanille hat im Handraten den Sauwurf erlangt und Jule legt eine schöne Erste, die Conrad prompt mit einer noch schöneren kontert. Jule kann nicht klären, sichert aber hinten und links ab. Auch Jacob legt gut, sehr gut sogar, aber alle reichen nicht – Team Vanille ist leer und Conrads Kugel liegt weiterhin auf Punkt. Yann will Platz schaffen, verschießt, pas grave, Conrad legt einfach noch einen zweiten Punkt. Mit seiner letzten Kugel nimmt Yann jedoch die Sau mit und beschert damit dem gegnerischen Team den ersten (und letzten) Punkt dieses Spiels als glücklichen Lohn für zähe Legeleistung: 1:0 für Team Vanille nach der ersten Aufnahme.
Der Schweinchenwurf der (noch) willigen Vanilligen gerät in der nächsten Aufnahme zu kurz und wird nicht der letzte verunglückte dieser Partie bleiben. Jule platziert dennoch eine zauberschöne Kugel vor der Sau. Oh là là, Yann verschießt zweimal, nun ist der Leger gefragt. Conrad kann mit seiner zweiten elegant an Jules Kugel andocken, toll, beide Teams liegen nun dicht an der Sau, AC:AB auf Punkt. Jacob verschießt einmal, zweimal … Legen oder schießen? Der 3. Schuss sitzt – magique, tragique, es ist die eigene! AC:AB nimmt die Einladung dankend an und zieht auf 4:1 davon.

Die folgenden Aufnahmen verlaufen nach einem ähnlichen Muster. Vanille arbeitet sich mit viel Geduld an den gelegten Kugeln von Conrad ab, Jule findet mehrfach erst mit der dritten Kugel den Weg auf Punkt, nur um kurz darauf wieder verdrängt zu werden. Nach vier Aufnahmen steht es 9:1 für AC:AB.
Die letzte Aufnahme beginnt schließlich vielversprechend für Team Vanille: Jule legt auf Punkt, Yann schießt stattdessen die eigene Kugel raus und verschießt beim zweiten Versuch erneut. Gibt es ein Comeback? Mais non, Yann findet eine kreative Lösung für diese vertrackte Situation und schießt kurzerhand das Schweinchen ins Aus: Neuaufnahme. Nun wird nah am rechten Spielfeldrand gespielt – gefährlich. Conrad legt eine gute erste in die Nähe der Sau, Jule legt eine dahinter, nun wird ein Schuss draus! Jacob schießt Conrads Kugel raus, was diesen ermutigt, nochmal auf Punkt zu legen – diesmal direkt vor die Sau. Jacob verschießt einmal, zweimal. Was nun? Team Vanille ist derangiert, Jule hat das Spiel schon aufgegeben, bevor sie eine Kugel ganz passabel davor legt und mit der letzten Kugel irgendwo weit hinten absichert. Dommage! Hier ist ausreichend Platz für AC:AB, um mit den verbliebenen Kugeln 3 weitere Punkte hinzuzulegen zum 13:1. Es ist 18:08 Uhr und das erste Spiel dieser Partie ist nach 22 Minuten vorbei.
Die Teams gönnen einander keine Pause und starten direkt ins zweite Spiel. Vom missglückten Schweinchenwurf abgesehen ein großartiger Start für Team Vanille, Jule legt eine Traumkugel direkt vor die Sau, an der sich der Gegner nun leerspielen darf. Wolle verschießt zweimal (encore une fois!), Conrad legt schön eine Kugel vor Jules, die nächste rollt etwas zu mutig rechts vorbei. Am Ende ist AC:AB leer, zum ersten Mal in dieser Partie! Was kann Team Vanille mit 5 verbliebenen Kugeln aus dieser einzigartigen Chance machen? Unsicherheit macht sich breit angesichts dieses ersten eigenhändig gelegten Punkts, Conrads Kugel liegt gefährlich an Jules, welches Risiko wollen sie eingehen? Jacob wagt schließlich dreimal den Schuss, dreimal (zum Glück?) daneben. Jule legt zweimal halbmutig nach, nichts passiert. Team Vanille nimmt diesen einen Punkt. „Das hätte man auch schneller haben können“, hört man vom Spielfeldrand. Leicht gesagt.
Nach einer weiteren Aufnahme steht es 3:1 für AC:AB, doch dann meldet sich Team Vanille eindrucksvoll zurück. Conrads erste Kugel nimmt den Beschleunigungsstreifen, hier sind fiese Rillen mit von der Partie. Das Publikum wird Zeuge eines wilden Wettlegens im Umkreis von ca. einem Meter um die Sau herum. Jules hervorragend gelegte Kugel wird von Yann zunächst versehentlich verbessert, bevor er sie im zweiten Versuch doch noch entfernt. Jacob schießt später die letzte Kugel von AC:AB raus und sichert seinem Team zwei Punkte zum 3:3-Ausgleich. Für einen Moment scheint das Spiel offen.
Genau in dieser Phase zeigt sich die Routine von AC:AB. Mehrfach bringt Vanille gute Kugeln ins Spiel, wiederholt scheint eine Aufnahme zu kippen. Jacob räumt gekonnt Kugeln aus dem Weg, Jule legt sehenswert vor die Sau, doch immer wieder finden die Gegner eine Antwort. Mal trifft Yann im zweiten Versuch, mal legt Conrad noch eine bessere Kugel nach. Drei Aufnahmen später steht es 8:3 für AC:AB.
Die Schlussaufnahme erinnert verdächtig an das Ende des ersten Spiels. Das Publikum sieht eine schöne erste von Conrad und ebenfalls einen schönen Schuss von Jacob, der Conrads Kugel leider nur touchiert. Jule legt mit der dritten auf Punkt, Yann schießt sie raus, Punkt bei AC:AB, Gegner leer. 4 Kugeln und viel Platz bleiben Conrad und Yann, die diese Chance nicht ungenutzt lassen und die fehlenden 4 Punkte dazulegen zum 13:3.

Insgesamt ein verdienter Sieg für die Routiniers von Team AC:AB. Team Vanille verkaufte sich dabei jedoch deutlich besser, als die nackten Ergebnisse vermuten lassen. Auf einem weniger eigensinnigen Terrain wäre der Abstand vielleicht kleiner ausgefallen. Vielleicht. Vielleicht aber auch nicht. Der Campusboden jedenfalls wird seine Geheimnisse für sich behalten.